Chronik

1899-2019 / 120 Jahre Posaunenchor Roßwein
                                    
                          Versuch einer kleinen Chronik


120 Jahre Posaunenchor Roßwein, dies soll der Anlass für einen kleinen, notwendigerweise nur unvollkommenen Rückblick sein. Natürlich kann solch ein Zurückschauen nur Ausschnitte beleuchten. Manches bleibt unausgesprochen, an manches kann man sich nur noch ungenau erinnern. Es ist deshalb gut und wichtig gleich am Anfang um Nachsicht oder vielleicht auch um Entschuldigung zu bitten. Nicht jeder kann ausführlich genannt, nicht jede Epoche besprochen werden.

120 Jahre Posaunenchor Roßwein, das ist die Geschichte von Menschen, die sich zusammengefunden haben, um miteinander zu musizieren, zu blasen auf Trompeten und Posaunen, Flügel- und Tenorhörnern oder dem Helikon.

120 Jahre Posaunenchor Roßwein eine Geschichte mit Höhen und Tiefen, mit Kontinuität  und Brüchen. Es ist die Geschichte von Menschen, die sich einander aufrichten oder mitunter auch aufrieben aber immer eine Geschichte des Vertrauen auf den, der Anfang und Grund unseres Blasens war und ist, auf unseren Gott, den Herrn.

Das Datum der Gründung ist mit Eindeutigkeit nicht mehr genau festzustellen. Akten über den Gründungstag sind in Roßwein bis jetzt nicht aufgetaucht. Die Akten der Dresdner Posaunenmission, die darüber hätten Auskunft geben können, verbrannten in der Bombennacht vom 13. Februar 1945. So bleibt manches im Dunkeln.

1899 eine im Grunde für viele Menschen nicht glückliche Zeit. Fast 30 Jahre Frieden, der technische Fortschritt geht mit Riesenschritten voran. Das neue Jahrhundert steht vor der Tür.  Auch in der Kirche gibt es starke Strömungen hin zur Bildung von Vereinen und Chören, so auch in Roßwein.

August 1899, im Jünglingsverein (einem Vorläufer des CVJM) wurde der Wunsch nach einem  Posaunenchor laut. Herr Lehrer  Beck (?) und Diakon Heber bestellten daraufhin bei der Firma Glier in Markneukirchen folgende Instrumente für einen Chor: zwei Flügelhörner, ein Waldhorn, ein Tenorhorn, eine Zugposaune und das heute noch existierende Helikon. Trotz der für uns heute billig anmutenden Preise, ein Waldhorn bester Sorte kam um  die 120 Reichsmark, war doch der finanzielle Einsatz hoch.

Keiner der jungen Leute, welche Instrumente bekamen, konnte Noten. Jeder Ton wurde von Diakon Heber auf dem Harmonium vorgegeben. Nach 4 Wochen waren schon die ersten Ermüdungserscheinungen spürbar. Im Februar kam es zum ersten öffentlichen Auftritt, der erste Choral ,,Nun danket alle Gott“. Trotz allen Übens scheint es nicht richtig vorangegangen zu sein.
Das 5. Landesposaunenfest in Meißen gab neuen Auftrieb. Von da an wird regelmäßig im Freien und in der Kirche geblasen. Weihnachten 1909 waren es 12 Bläser, Turmblasen der Einsatzort. 1911 geht Diakon Heber als Pfarrer nach Kesselsdorf. Im Krieg wird nur noch vom Turm geblasen, der Krieg fordert seinen furchtbaren Tribut. Ende 1920 wird der Chor durch Pfarrer Möckel wieder  aktiviert. Mit neun Bläsern geht es wieder los. In der Inflationszeit mussten einige Bläser die Instrumente abgeben, weil sie versuchten damit Tanzmusik zu machen und so zu Geld zu kommen.

Erstmals erwähnt wird 1921 Willy Brückner. Er soll zur bestimmenden Figur für den Roßweiner Chor werden. Als Bäckermeister gehört er einer Zunft an, die traditionell viel für die  Entwicklung der Posaunenchorarbeit getan hat (in Nürnberg gibt es noch heute einen Bäckerposaunenchor). Willy Brückner leitet auch zeitweise den Chor. 1936 gibt er die Chorleitung ab und der Roßweiner Diakon Willy Schütze übernimmt das Amt des Chorleiters. Diese Jahre sind relativ gut dokumentiert und außerordentlich interessant.

Die Zeit der Gleichschaltung, des Kirchenkampfes wirft ihre Schatten bis in den Posaunenchor hinein. So macht schon der Wandel  der Sprache aus heutiger Sicht betroffen. Alle wurden zu „Kameraden“ und man grüßte sich in den Schreiben mit dem martialisch klingendem
„Posaunenheil“. Bläserdienst wurde zum Dienst am „Volkskörper“. Gerade die Posaunenmission entwickelte sich zum Kampfplatz zwischen Bekennender Kirche und Deutschen Christen. Auch der weithin  bekannte Adolf Müller spielte hier nicht die beste Rolle. Wie und mit welchem Einsatz diese Auseinandersetzungen geführt, ja mit welcher Verbissenheit  gekämpft wurde, zeigen die Briefwechsel und Unterlagen um das Kreisposaunentreffen 1937.

Für 1937 war ein Kreisposaunentreffen aller Chöre, die zum Leipziger Kreis gehörten, in Roßwein geplant. Nachdem man die Genehmigungen eingeholt hatte, begannen die Spannungen zwischen dem damaligen Kreisposaunenwart Wolfram auf der einen und Pfarrer Kohl als Vertreter der Kirchgemeinde auf der anderen Seite. Die Frage nach der Besetzung des Festpredigers brachte das
Fass zum Überlaufen. Während der Deutsche Christ Wolfram einen ihm genehmen Pfarrer vorschlägt, hält Kohl an dem Dresdner Pfarrvikar Klenner fest, was er am Ende auch durchsetzte. Die Wirren gehen soweit, dass der Roßweiner Chorleiter Willy Schütze gar das Fest absagen will. Posaunenchöre schlagen sich in öffentlichen Rundbriefen die Treue zum Herrn und zum Führer
gegenseitig um die Ohren. Die Kollision gipfelt später in Dresden fast im Zerfall der eigentlichen Posaunenmission.

Um nicht missverstanden zu werden: Es ging hier nicht um den aktiven Widerstandskampf gegen die Nazis, doch brauchte es durchaus Mut und Zivilcourage sich seines Glaubens gegen die zunehmende Macht der Deutschen Christen zu wehren, aber es war möglich. Nicht zuletzt – Roßwein hatte diese Konflikte erlebt. Letzten Endes wird den Posaunenchören durch diese Machtkämpfe schwerer Schaden zugefügt und es wäre an der Zeit, sich mit diesem wesentlichen Abschnitt genau zu beschäftigen.

Über die Jahre des Krieges ist so gut wie nichts bekannt. Einberufungen, Kriegsdienst, Gefangenschaft oder gar Sterben, die mörderischen Stationen so vieler Menschen. In den Wirren und Nöten ging vieles unter.

Das Jahr 1951 wird zu einem Neuanfang des Posaunenchores Roßwein. Aus einer Mitteilung an die Zentrale in Dresden geht hervor, dass unter Leitung von Willy Brückner Jungbläser ausgebildet worden sind. In diesem Jahr 1951 wird auch ein Posaunenfest  in Roßwein abgehalten. Es warten viele Aufgaben auf die Bläser. 1953 zum Beispiel findet nicht nur der Kirchentag in Hamburg statt, Roßwein wird Austragungsstätte des Leipziger Kreisposaunenfestes, unter der Leitung von Pfarrer Knorr statt. Regelmäßig wird an den alljährlichen Bläsertagen in verschiedenen Städten der  näheren und weiteren Umgebung teilgenommen. Interessant vielleicht und für uns mobile Menschen von heute kaum nachvollziehbar, die Übernachtungsanmeldung für einen Bläsertag in Hainichen.

Die Qualität des Posaunenchores wird in einem kurzen Gutachten von Posaunenwart Friebel im Jahre 1955 unter anderem folgendermaßen lobend beschrieben: „In Roßwein besteht ein Posaunenchor, der sich hören lassen kann. Die Brüder und zwei Schwestern waren sehr aufgeschlossen und willig, so dass ein gutes Arbeiten von vornherein möglich war.“

Roßwein wird zum Ort einer guten und erfolgreichen Bläserarbeit. Der Chor gilt als zahlenmäßigen groß und auch als leistungsfähigster des Kirchenbezirkes Leisnig.

13 Bläser rüsten sich im Juli 1961 zum Deutschen Kirchentag nach Berlin, kurz vor dem Bau der unseligen Mauer.

Bis Mitte der 60iger Jahre, so entnehmen wir es den Chorberichten, wächst der Chor stetig, bis auf 22 Bläser. Danach gibt es einen zahlenmäßigen Abschwung und die Mitgliederzahl pegelt sich zwischen 10 – 13 Bläsern und Anfängern ein. Die Chorberichte spiegeln die Arbeit des Chores wieder. So blies der Chor 1968 unter anderem 6-mal im Gottesdienst, 33-mal zu diakonischen Einsätzen und
4 Posaunenfeierstunden. Für den Chor wird das Jahr 1968 bedeutsam. Willy Brückner gibt die Leitung an den damaligen Pfarrer Hans-Werner Ludwig ab.

Willy Brückner, dessen Engagement vieles zu verdanken ist, hat er den Chor wesentlich geprägt. Er bläst nach der Übergabe noch eine Zeitlang als Altist im Chor mit und kümmert sich noch organisatorisch um den Chor. Pfarrer Ludwig leitet den Chor bis zu seinem Weggang im Jahre 1984. Unter seiner Leitung entwickelt sich das Ständchen-Blasen zum Geburtstag von Senioren der Gemeinde. Zur Institution wird es dann unter der Regie von Klaus Grimme. Regelmäßig werden auch die durch die Sächsische Posaunenmission zugesandten Feierstundenprogramme geblasen. Auch das Blasen zur Weihnachtszeit auf dem Markt steht fest im Dienstplan.
Im Gegensatz zur allgemeinen Lage, werden den öffentlich missionarischen und diakonischen Aktivitäten keine Hindernisse seitens der damaligen Regierenden in der Stadt in den Weg gelegt. Laut Zeugnis wird dem Blasen sogar Wohlwollen entgegengebracht.
Wichtig für die Posaunenchorarbeit sind auch die Dresdner Bläsertage von 1980. Tausende von Bläsern auf den Dresdner Elbwiesen geben Zeugnis vom Dienst mit Trompeten und Posaunen. 1981 kommen die Bläser der Landeskirchlichen Gemeinschaft offiziell zum Chor hinzu.
1982 verstirbt Willy Brückner.

Klaus Grimme, vielseitiger Bläser von Trompete bis Posaune, wird Chorleiter nach Hans-Werner Ludwig, ab Februar 1984. Beheimatet in der Landeskirchlichen Gemeinschaft kommen in seiner Leitungszeit auch viele junge Bläserinnen und Bläser hinzu. Diese Generation prägt den Chor noch heute. Vor allem die eigenen Kinder der aktiven Bläser werden angelernt. Der Chor wird beachtlich groß, Nachwuchsarbeit wird hochgehalten. Klaus Grimme erkrankt leider schwer.

1988 muss Friedhofsmeister Konrad Lenk die Geschicke des Chores übernehmen. Zwar musikalisch durchaus vorgebildet, kommt das Amt ganz plötzlich auf ihn zu. Er leitet den Chor durch die Wendezeit. 1989 wird das Jubiläum des 90. Geburtstages  am 1. Oktober begangen. Wenige Monate später wird Klaus Grimme heimgerufen.

Ab 1991 hatte Kantor Jens Petzl die Leitung des Chores inne. Der Chor war damals ordentlich  blasfähig, aber es gab auch durchaus neue Ansprüche und Wege zum guten Ton. Etliche junge Bläser standen vor dem Weggang durch Beruf und Studium. Die Wende hinterließ nicht nur positive Spuren in der Stadt und der Kirchgemeinde. Wichtiges Ziel musste also sein, die Lücken nicht zu groß werden
zu lassen, den Chor qualifiziert blasfähig zu erhalten. Das wurde geschafft.
Regelmäßig wurde im Gottesdienst geblasen, Ständchen zum Geburtstag oder zur Hochzeit, manchmal auch trauriger Dienst auf dem Friedhof. Wichtiges blieb auch das Blasen zu Stadtfesten. Der Chor lebte vom treuen Dienst langjähriger Choristen und der Zeit der Ausbildung.

Zu dieser Zeit bestand der Chor aus 10 aktiven Bläsern und 4 auswärtigen Bläsern, die je nach Termin mitmachen konnten. 3 Jungbläser befanden sich in der Ausbildung. Die Probe fand weiterhin traditionell am Montag statt. In guter Weise gab es ab und zu hinterher auch „etwas zu klären“ an gastlicher Stätte. Der Posaunenchor war und ist ja immer auch ein Ort der Geselligkeit und des Frohsinns. Daran sollte sich nichts ändern.

Unvergesslich blieb den Bläsern die Teilnahme am Deutschen Evangelischen Posaunentag 2008 in Leipzig, gemeinsam mit 16 000 Bläsern ein Gottesdienst im Zentralstadion.

Im gleichen Jahr besetzte Kantor Petzl die vakante KMD-Stelle in Rochlitz und verließ somit Roßwein. Für den Chor begann eine ungewisse Zeit der Selbstverwaltung, in der aber für alle Mitglieder feststand: Es muss weitergehen.

Von Dezember 2008 bis Juni 2013 leitete der neue Kantor Stefan Moosdorf den Chor. In diese Zeit fällt auch die Teilnahme des Chores am Landesposaunenfest in Zwickau vom 07. bis 08. Juli 2012. Seit dem Weggang von Kantor Moosdorf liegt die Leitung in den Händen von Ruben Grimme.

Ein zweites Mal nach 2008 nahm der Chor 2016 am Deutschen Evangelischen Posaunentag in Dresden teil. Eröffnung parallel auf dem Altmarkt und dem Neumarkt, Serenade am Elbufer und der Abschlussgottesdienst im Stadion waren ein bleibendes Erlebnis für alle, die dabei waren und eine Bestätigung für die vielen Proben.

120 Jahre Posaunenchor eine stolze Zahl an Jahren, in denen viele Töne an die Ohren der Hörer geblasen wurden. Ob es gefruchtet hat? Diese Frage ist müßig. 120 Jahre Posaunenchor sind 120 Jahre Dienst für unseren Herrn und Dienst des Herrn an uns dafür gilt es:
G O T T   S E I   D A N K!



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